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Ökonomie und Bildung

3.1.01 Von den Besten lernen – Benchmarking in der Abwasserbeseitigung

Mit seinem Beschluss „Nachhaltige Wasserwirtschaft in Deutschland“ hat der Deutsche Bundestag im Jahr 2002 eine Modernisierungsstrategie für die deutsche Wasserwirtschaft angeregt. Dazu gehört auch die Entwicklung moderner Verfahren zum Leistungsvergleich zwischen Betrieben (Benchmarking). In seinem diesbezüglichen Projekt hat der Wasserverband Emschergenossenschaft/Lippeverband (EG/LV) gemeinsam mit den Partnern Aggerverband, RINKE Unternehmensberatung und der Universität der Bundeswehr München diese Methode auf die Abwasserbehandlung übertragen und Strategien für die Anwendung in anderen Bereichen der Wasserwirtschaft entworfen. Das Projekt ist damit zu einem Baustein der Modernisierungsstrategie geworden und hat wesentliche Impulse für den erfolgreichen Ausbau des Instruments Benchmarking gegeben.

Die Rahmenbedingungen für die Wasserwirtschaft haben sich gewandelt: Die Anforderungen an ihre Wirtschaftlichkeit sind gestiegen und Gebühren werden nur noch akzeptiert, wenn die zugrunde liegenden Kosten ausreichend dargelegt werden. Um ihre Aufgaben zuverlässig und wirtschaftlich wahrzunehmen, müssen Unternehmen Methoden für die wirtschaftliche Abwasserbeseitigung erschließen, ohne die übrigen Anforderungen aus dem Blick zu verlieren. Das 1999 gestartete Projekt „Benchmarking in der Abwasserbeseitigung auf Basis technisch- wirtschaftlicher Kennzahlensysteme“ des EG/LV zielte darauf ab, die betrieblichen Prozesse in Kläranlagen zu verbessern. Da Benchmarking in der Wasserwirtschaft zu dieser Zeit noch neu war, erforderte die Umsetzung einige Entwicklungsarbeit. Eine besondere Herausforderung lag darin, technische Lösungen und ihre Kosten trotz unterschiedlicher Randbedingungen vergleichbar zu machen. Dazu mussten die Projektpartner normierte Beurteilungsmaßstäbe entwickeln. Sie verglichen mehr als 100 Kläranlagen mit Einwohnerwerten (EW) von 420 bis 2.400.000. Das Vorhaben bestand aus vier Arbeitsfeldern:

1. Die Methodik auf alle Anlagen übertragen
Die Erkenntnisse aus einem Vorläuferprojekt zum Benchmarking für Kläranlagen mit 10.000 bis 100.000 EW wurden auf alle Anlagen des EG/LV und des Aggerverbands angewendet. Die Experten legten die zu ermittelnden technischen und ökonomischen Kenngrößen fest, erhoben die Daten, berechneten die Kennzahlen, analysierten die Ursachen für Abweichungen vom Bestwert und identifizierten Verbesserungsmaßnahmen. Um den Prozess „Abwasserreinigung“ zwischen mehreren Anlagen vergleichen zu können, wurden sechs Teilprozesse betrachtet: mechanische, biologische und weitergehende Reinigung, Schlammstabilisierung, Schlammverwertung und - entsorgung sowie Sonstiges (z. B. Außenanlagen, Labor und Werkstätten).

Arbeitsschritte des Benchmarkings

Arbeitsschritte des Benchmarkings
Arbeitsschritte des Benchmarkings
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2. Strategien entwickeln, um andere Betreiber einzubeziehen
Den Experten gelang es, auch Betreiber weiterer Kläranlagen mit anderer Datengrundlage in das Benchmarking einzubinden. Sie passten die Kenngrößen entsprechend dem Bedarf kleinerer und mittlerer Unternehmen an.

3. Technisch-ökonomische Beurteilungsansätze für Planungen generieren
Das Benchmarking bezieht sich nicht nur auf den Anlagenbetrieb, sondern auch auf die Planung. Dem EG/LV liegen für alle seine Bauwerke die Investitionskosten vor, aufgeteilt in die Kostenarten Bautechnik und Maschinen-/Elektrotechnik. Mithilfe der ermittelten Daten, können die Experten nun beurteilen, wie wirtschaftlich bauliche Lösungen und verfahrenstechnische Kombinationen mit Blick auf Investitionskosten und Betriebsaufwand sind.

Methode und Kernelemente des Benchmarkings

Methode und Kernelemente des Benchmarkings
Methode und Kernelemente des Benchmarkings
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4. Die Methodik für andere Bereiche der Abwasserbeseitigung ausarbeiten
Die Projektpartner haben das Benchmarking auch auf andere Bereiche, wie die Abwasserableitung übertragen. Dazu entwickelten sie Erhebungsbögen, die sie ebenso wie die Systematik mit weiteren Kommunen erprobten. Auch das Benchmarking von Regenüberlaufbecken und Pumpwerken des Kanalnetzes wurde betrachtet.

Nutzen für die Praxis

Mit dem Vorhaben ist es gelungen, wesentliche Grundlagen für ein Benchmarking in der Abwasserwirtschaft zu erarbeiten. Heute ist diese Methode weitverbreitet; mit ihr lassen sich die jährlichen Betriebskosten um drei bis zwölf Prozent reduzieren. Und: Alle Größenklassen von Kläranlagen können über ein technisch-wirtschaftliches Kennzahlenraster miteinander verglichen werden. Weil das Kennzahlensystem alle Teilprozesse der Abwasserbeseitigung einheitlich darstellt, lassen sich auch einzelne Verfahrensschritte vergleichen. So werden gezielte strukturelle und auch punktuelle Verbesserungen möglich.

Die Experten haben die Systematik weiterentwickelt, um die Anforderungen der EU-Wasserrahmenrichtlinie wirtschaftlich umsetzen zu können. Die Ergebnisse des Vorhabens wurden in die Benchmarking-Gesellschaft aquabench eingebracht. Gesellschafter sind neben der Emscher Wassertechnik GmbH und Aggerwasser GmbH die Städte Hamburg, Bremen, Dresden, Zürich, Köln, Düsseldorf, München und Berlin beziehungsweise ihre entsprechenden Unternehmen sowie die Beratungsgesellschaft on.valco. Die aquabench bietet zahlreiche Benchmarking- Produkte online an, die sich auf verschiedene Prozesse beziehen oder einen Vergleich auf Unternehmensebene ermöglichen.

Merkmale zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit eines wasserwirtschaftlichen Unternehmens

Merkmale zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit eines wasserwirtschaftlichen Unternehmens
Merkmale zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit eines wasserwirtschaftlichen Unternehmens
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Die Ergebnisse des Förderprojekts ebenso wie die Erfahrung aus den Folgeprojekten haben die Experten kontinuierlich in die Fachverbände eingebracht. Ein Merkblatt und ein Leitfaden, herausgegeben von der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) und dem Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) sowie ein Beispielkennzahlensystem der DWA unterstützen eine einheitliche, qualitätsgesicherte Vorgehensweise. Außerdem informieren die Verbände seit 2005 mit dem „Branchenbild der deutschen Wasserwirtschaft“ Politik, Öffentlichkeit und Unternehmen über die Leistungsfähigkeit der Branche. In fast allen Bundesländern werden inzwischen Benchmarking-Projekte durchgeführt und Berichte dazu veröffentlicht (z. B. www.abwasserbenchmarking-nrw.de).

Ziel ist, das Benchmarking weiter zu verbreiten und eine internationale Kennzahlenbasis zu erarbeiten, welche die Ergebnisse verschiedener Projekte vergleichbar macht. Im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie muss außerdem geprüft werden, wie der Betrachtungshorizont über Unternehmensgrenzen hinaus erweitert werden kann. Dieser Frage ist das Pilotprojekt „Benchmarking der Bewirtschaftung von Fluss(teil)-einzugsgebieten “ von EG/LV, aquabench, der Universität der Bundeswehr München und der Universität Duisburg-Essen in einem ersten Schritt nachgegangen.

Projekt-Website www.aquabench.de

Emschergenossenschaft und Lippeverband
Prof. Dr.-Ing. Andreas Schulz
Kronprinzenstraße 24
45128 Essen
Tel.: 02 01/10 4-27 23
Fax: 02 01/10 4-27 86
E-Mail: schulz.andreas@eglv.de
Internet: www.emschergenossenschaft.de
Förderkennzeichen: 02WI9913/9
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Projekt-Website

aquabench.de...gb.html