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Ökologie

1.2.04 Der Stör kehrt zurück – Wiedereinbürgerung eines alten Flussbewohners

Mit dem Stör ist ein typischer Bewohner norddeutscher Flüsse verschwunden. Seine Ausrottung ist ein Symptom für den Zustand der Gewässer: In verbauten und verschmutzten Flüssen haben es vor allem wandernde Fischarten schwer, geeignete Bedingungen zu finden. Ein aktuelles Verbundprojekt des BMBF und des BMU schafft seit 1996 die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Wiedereinbürgerung des Störs. Die Wissenschaftler haben bereits Elterntierbestände für den Nord- und Ostseestör aufgebaut und erste Jungtiere im Rahmen experimenteller Besatzmaßnahmen in Oder und Elbe freigesetzt. Die Keimzelle der Nachzucht bilden Fische aus französischen und kanadischen Flüssen.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts waren Störe an der gesamten europäischen Küste verbreitet. Sie hatten Laichplätze in allen großen europäischen Flüssen. Heute ist diese Fischart weltweit vom Aussterben bedroht. Die Verbauung und Verschmutzung der Flüsse zerstörte ihre Lebensgrundlage, während gleichzeitig intensiver Fischfang die Populationen dezimierte. Einzelfänge von Stören wurden in deutschen Gewässern noch bis 1992 registriert. Danach galt der Stör in Deutschland als ausgestorben.

Doch nicht nur der Stör, auch andere Wanderfische, wie Lachs, Meerforelle, Schnäpel, Maifisch und Finte leiden unter der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen. Die Erfahrungen mit der Wiedereinbürgerung des Störs und mögliche Renaturierungsmaßnahmen kommen also auch anderen Fischpopulationen zugute.

Bewohner verschiedener Gewässer

Versuchsbesatz im Elbeeinzugsgebiet, Jungstör (Acipenser sturio) mit Markierung

Versuchsbesatz im Elbeeinzugsgebiet, Jungstör (Acipenser sturio) mit Markierung
Versuchsbesatz im Elbeeinzugsgebiet, Jungstör (Acipenser sturio) mit Markierung
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Der Stör ist ein Wanderfisch, der zum Laichen aus den Meeresgebieten weit in die Flüsse aufsteigt. Hier legt er in stark strömendem Wasser über eine Million Eier ab. Sind die Larven geschlüpft und zwischen den Kieseln herangewachsen, verdriftet die Brut mit der Strömung in futterreiche Flussabschnitte. Die Jungfische wandern am Ende ihres ersten Lebensjahres in das Brackwasser der Flussmündungen, von wo aus sie nach zwei bis vier Jahren ins Meer übersiedeln. Nach zehn bis 20 Jahren kommen die geschlechtsreifen Tiere wieder in ihre Geburtsflüsse zurück um zu laichen.

Projektverbund zur Wiedereinbürgerung

In den letzten zwanzig Jahren hat sich die Wasserqualität der Flüsse wesentlich verbessert – eine Chance für die Wiedereinbürgerung der Störe, welche die Gesellschaft zur Rettung des Störs e. V. 1994 ergriffen hat. Seit 1996 unterstützen das Bundesforschungs- und das Bundesumweltministerium einen Projektverbund zur Wiedereinbürgerung des Störs in den Zuflüssen der Nord- und Ostsee mit mehr als 1,8 Millionen Euro. Beteiligt an dem Projekt „Genetische Populationsstruktur, Zuchtplan und künstliche Vermehrung einer süßwasseradaptierten Zuchtgruppe des Europäischen Störs (Acipenser sturio) als Voraussetzung einer erfolgreichen Wiedereinbürgung“ sind das Bundesamt für Naturschutz (BfN), das Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB), die Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern sowie weitere Forschungseinrichtungen.

Geeignete Störe werden gezüchtet

Ultraschallsonografie zur Geschlechtsdifferenzierung in Born/Darß

Ultraschallsonografie zur Geschlechtsdifferenzierung in Born/Darß
Ultraschallsonografie zur Geschlechtsdifferenzierung in Born/Darß
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Entscheidend für die Wiederbesiedelung der Gewässer sind ausreichend viele Fische, die den ehemals heimischen Arten entsprechen. Ein wichtiges Teilprojekt ist daher der Aufbau eines Elterntierbestandes für die Nachzucht von Besatzfischen, die sich für den jeweiligen Lebensraum eignen. Für die Nordsee und die in sie mündenden Flüsse ist der Europäische Atlantische Stör (Acipenser sturio) aus der südwestfranzösischen Gironde zur Nachzucht vorgesehen. Die sehr kleine Population ist genetisch praktisch identisch mit den ehemals in der Nordsee heimischen Fischen. Das IGB hält durch eine Kooperation mit der französischen Cemagref seit 1996 einige Exemplare, um Besatzfische für Elbe und Rhein zu züchten. Da Störe frühestens mit zehn bis zwölf Jahren geschlechtsreif werden, standen die ersten Nachzuchten von Tieren aus dem Ex-situ-Bestand in Frankreich im Jahr 2007 zur Verfügung. Tiere aus dieser Vermehrung wurden markiert, mit telemetrischen Sendern versehen und an der mittleren Elbe ausgesetzt, um ihre Wanderung zu verfolgen.

Die ehemals in der Ostsee heimischen Störe unterscheiden sich genetisch und im Aussehen von denen aus der Nordsee. Sie sind die Nachfahren des vor rund 1.000 Jahren eingewanderten Amerikanischen Atlantischen Störs (Acipenser oxyrinchus). Ein dem Ostseestör genetisch sehr ähnlicher Verwandter lebt in den kanadischen Flüssen St. Lawrence und St. John. Die Gesellschaft zur Rettung des Störs hat 2005 und 2006 geschlechtsreife Tiere für Zuchtzwecke nach Deutschland geholt, um damit einen ersten Elterntierbestand zu begründen. Nachkommen aus kontrollierter Vermehrung in Kanada werden bereits seit 2006 für telemetrische Untersuchungen und zur Bestimmung der Habitatnutzung im Odereinzugsgebiet ausgesetzt.

Fang eines amerikanischen Atlantischen Störs (Acipenser oxyrinchus) für die Vermehrung in Kanada

Fang eines amerikanischen Atlantischen Störs (Acipenser oxyrinchus) für die Vermehrung in Kanada
Fang eines amerikanischen Atlantischen Störs (Acipenser oxyrinchus) für die Vermehrung in Kanada
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Für den Ausbau der Elterntierbestände werden Nachzuchten aus kontrollierter Vermehrung aufgezogen. Zur Optimierung der genetischen Vielfalt werden diese Tiere im Rahmen von genetischen Screenings, insbesondere über von der Universität Potsdam entwickelte Mikrosatelliten, charakterisiert und Zuchtpläne erstellt. 2010 gelang die erste erfolgreiche Vermehrung aus dem Elterntierbestand des A. oxyrinchus in Deutschland, sodass jetzt auch frühe Lebensstadien untersucht werden können.

Entwicklung alternativer Fischereitechniken

Damit die im Aufbau befindlichen Störpopulationen nicht der Fischerei zum Opfer fallen, wird im Projekt außerdem die Weiterentwicklung von Stellnetzen für die Küstenfischerei vorangetrieben. Ziel ist es, den unbeabsichtigten Fang (Beifang) von Stören zu minimieren und gleichzeitig den Fang von Zander und Barsch im Stettiner Haff zu optimieren. Versuche mit neu entwickelten Netzen zeigten, dass der Beifang von Stören durch einfache Veränderungen fast vollständig unterbunden werden kann. Da aber auch etwas geringere Mengen an Zielarten ins Netz gingen, ist die Akzeptanz in der Fischerei bisher sehr gering.

Störe unter Beobachtung

Nach dem Aussetzen stehen die Störe unter intensiver Beobachtung. Mittels Markierungen und Sendern lassen sich die Wanderbewegungen der Tiere erforschen. Ziel ist es, geeignete Lebensräume zu identifizieren und zu beschreiben sowie Risiken für die Tiere zu ermitteln. Das Monitoring soll die Grundlage für weitere Freisetzungen sowie mögliche Renaturierungsmaßnahmen an Flüssen liefern. Wird die Qualität der Lebensräume des Störs verbessert, profitieren davon auch andere Tierarten. Der Stör kann somit auch zu einem Wegbereiter für die Wiederansiedlung anderer Arten mit ähnlichen ökologischen Ansprüchen werden.

Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB)
Die Wissenschaftler des Berliner IGB widmen sich der ökosystemaren Forschung an limnischen Systemen (Binnengewässer). Die Erkenntnisse dienen als Basis für ökologisch fundierte Restaurierungs-, Sanierungs-, Bewirtschaftungs- und Schutzkonzepte. Am IGB arbeiten Hydrologen, Chemiker, Mikrobiologen, Limnologen, Fischökologen und Fischereibiologen unter einem Dach.
www.igb-berlin.de
Leibniz-Institut für Gewässerökologie
und Binnenfischerei

Dr. Jörn Geßner
sturgeon@igb-berlin.de
Internet: www.igb-berlin.de
Förderkennzeichen: 0330718
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